Kritik

Tagesanzeiger Zürich

 

«Jakob von Gunten» wird zum Survival-Training

Regisseurin Barbara Frey brilliert mit einer eigenwilligen musikalischen Robert-Walser-Turnerei.

Drei Schauspieler und ein Pianist spielen Walser in der Schiffbau-Box – saukomisch und superschaurig. Foto: Matthias Horn

Alexandra Kedves

Redaktorin Kultur
    22.05.2017  

Drei Schauspieler und ein Pianist spielen Walser in der Schiffbau-Box – saukomisch und superschaurig. Foto: Matthias Horn

Nacht herrscht. Aber selbst im Dunkeln folgen die vier Knaben den Regeln: Sie machen einen Diener, wenn sie den Raum betreten, huschen stumm hindurch und verschwinden nicht, ohne einen weiteren Bückling hingebogen zu haben. Nur durch den schmalen Spalt der paar Türen links und rechts fällt ein wenig Licht: gerade genug, um die devoten Darbietungen der Eleven zu beleuchten – und zu erhellen, wie finster ihre Existenz ist.

Überhaupt ist es ein Highlight, dieses düstere Ballett der Bravheit ganz am Anfang der Inszenierung von Robert Walsers Roman «Jakob von Gunten» in der Schiffbau-Box, die am Samstag Premiere hatte. Und das Lob ist hier gar nicht mal so einfach zu erhalten, denn in ihrem Format ist die gesamte Arbeit platterdings glänzend. In «Jakob von Gunten» führt die Regisseurin Barbara Frey ihre Stärken zusammen: das Gehör der Musikerin, das Rhythmusgefühl der Schlagzeugerin, das Faible für Abstraktion und die Lust an der Gaudi. Da stimmt schier alles – von der Besetzung über die Minimalisierung des Textmaterials beim gleichzeitigen Maximalisieren bestimmter Aspekte davon bis hin zur Musik.

Der wiederentdeckte Autor Robert Walser, der 1934 gewaltsam in die Heris­auer Psychiatrie verlegt wurde und bis zu seinem Tod im Schnee 1956 keine literarische Zeile mehr schrieb, hat viele Theatermacher zu weihevollen Bühnenadaptationen angeregt; inklusive ausgiebig recherchierter Biografie-Collagen. Von der Opernbühne bis zur Schulaula war auch sein seltsamstes Buch schon zu sehen, eben der tagebuchartige Roman «Jakob von Gunten». Er ist in der Ich-Perspektive des Zöglings einer heruntergekommenen Berliner Dienerschule erzählt. Jakob, der jüngere Sohn eines Grossrats, ist von daheim abgehauen, um für sich eine andere Form von gutem Leben zu finden – als «reizende, kugelrunde Null». Als ein Nichts, das noch in der selbst gewählten Nichtigkeit «lügt», wie Jakob erklärt: Durch die scheinbare Selbstverleugnung schlägt man der geld- und geltungsgierigen Gesellschaft und ihren manipulativen Glaubenssystemen ein Schnippchen.

Barbara Frey führt alle ihre Stärken zusammen: das Musikgehör, das Faible für Abstraktion und die Lust am Gaudi.

Vielleicht sind es gerade die vielen Interpretationen des Romans von 1909, die Barbara Frey frei gemacht haben fürs Eigene. Jedenfalls lässt sie all die naheliegenden Möglichkeiten hinter sich, etwa den Blick auf Walsers frühe sozialistische Begeisterung oder auf seine spätere Frustration; Walsers Stippvisite an einer Dienerschule und seine paar Monate als Diener auf einem Schloss. Oder die tiefenpsychologisch informierten Traumdeutungen, zu denen Jakobs Nachtmahre geradezu einladen. Frey streicht Jakobs Theaterspiel in der Schule, das eine Steilvorlage für selbstreflexive Scherze gewesen wäre. Und der Missbrauch des Schüler-Lehrer-Verhältnisses – zu dem es zwischen Jakob und dem Schulvorsteher Benjamenta kommt – wird nicht, angesichts des Jegge-Skandals, aktualisiert und umgedeutet.

Pullunder und Schläppli

Nein, die Regisseurin schickt drei Schauspieler auf die Bühne, die jeder für sich das Publikum weghauen können (und das in Zürich auch schon getan haben). Und sie lässt sie spielen, saukomisch, superschaurig, ernsthaft und trotzdem als Clowns eines Daseins, das, von nicht allzufern, auch das unsere spiegelt: Michael Maertens als Titelhelden; Stefan Kurt als unsympathisch-schrägen Eleven-Kollegen Fuchs und als mildes Fräulein Benjamenta; Hans Kremer als unterwürfig-liebenswerten Eleven Kraus und als monströsen Vorsteher Benjamenta. Der musikalische Side-Kick an Klavier und Celesta wiederum, der 1980 geborene Iñigo Giner Miranda, gibt als zerbrechlicher, jüngster Zögling des Hauses Benjamenta buchstäblich den Ton an.

Gemeinsam werfen sich die vier in eine Art Survivaltrainings-Konzert, in schlimmen 70er-Jahre-Pullundern und Gymnastikschläppli, um sich über alle Abscheuabgründe und Versuchungsberge wegzuturnen: Was für ein famos böser Witz! Aber das Survivaltraining ist bitter nötig an dem marthalernden Unort, den Bettina Meyer in die Box geboxt hat.

Brutale Welt

In dem Schulkabuff mit den schweren Pseudo-Palisandermöbeln, den harten Auszugbetten, der langen Tafel mit den Schülerstühlen verengen sich die hohen Wände im Fond auf ein einziges Fenster – und dieses geht auf eine lärmige Hauptverkehrsader, wo Autos hupen, das Martinshorn jault. Ja, die Welt draussen ist mindestens so brutal wie die drinnen. Drinnen regiert der unheimliche König, der Vorsteher mit dem weiten, schwarzen Zauberermantel, der fett ist wie ein Riesenkäfer und sich ständig kratzt wie ein krankes Tier. Am liebsten schaut er aus einem der Spitzelfenster oben hinunter auf seine Geschöpfe und bellt seine Befehle.

Man erkennt Kremer kaum wieder, wenn er dann als kleiner Kraus mit den anderen das Credo der Schule herunterleiert, singt, hackt, als sei es Ernst Tochs «Fuge aus der Geographie für sprechenden Chor». Da wird das «Aus-harr-en» gelobt und das «gute Betragen»; das schlechte führe in eine «garst-i-ge, fin-st-re Höll-e». In der sind ohnehin alle ­gefangen, die da Rettung suchen: das sterbende Fräulein mit dem unerfüllten Liebessehnen; ihr in Jakob verliebter Bruder mit den Aussteigerfantasien; die Jungs, die sich ihre Leben zurechtgefältelt haben und doch vom Anderswo träumen, wenn sie «Darkness» von The Police singen («I can dream up schemes when I’m sitting in my seat») oder Kate Bushs «Under Ice»: «There is something moving, trying to get out – it’s me.» Am Ende hat sich die jugendstileske Tapete halb von der Wand heruntergerollt, und Jakob und der Vorsteher sitzen auf gepackten Koffern nach Irgendwohin. Alle wollen weg – aber wir sind die zwei Stunden sehr gern geblieben.

(Tages-Anzeiger, Zürich)